Paraguay wird 2026 voraussichtlich um 4,5 Prozent wachsen und wäre damit die am stärksten expandierende Volkswirtschaft der Region. Das Wirtschafts- und Finanzministerium (MEF) hat seine Prognose von zuvor 4,2 Prozent angehoben. Im selben Bericht steht die unbequemere Zahl: Die Steuereinnahmen legten von Januar bis Juli nur um 2,3 Prozent zu. Wer verstehen will, warum in einem wachsenden Land gerade die Ärzte streiken, findet die Antwort in dieser Lücke.
Was das MEF konkret vorlegt
Die Zahlen stammen aus dem Situfin-Bericht zur Finanzlage mit vorläufigen Daten bis Juli 2026, vorgestellt von Nathalia Rodríguez, Leiterin der Wirtschaftsabteilung im MEF.
Das erste Halbjahr schloss mit einem Wachstum von 5,6 Prozent ab. Getragen wurde es vor allem vom Primärsektor, der im Juni um 9,4 Prozent zulegte und damit den größten Beitrag aller großen Wirtschaftszweige lieferte. Der Sekundärsektor wuchs um 5,6 Prozent, der Dienstleistungssektor um 4,9 Prozent.
Dazu kommen Werte, die für sich genommen sehr gut aussehen:
- ▹Inflation im Juli bei 1,6 Prozent im Jahresvergleich, aufgelaufen 1,8 Prozent
- ▹Leitzins der Zentralbank bei 5,5 Prozent
- ▹Guaraní im Jahresvergleich um 19,9 Prozent gegenüber dem Dollar aufgewertet
Niedrige Inflation, starke Währung, kräftiges Wachstum. Auf dem Papier ist das ein Musterbild.
Die Einnahmen halten nicht mit
Der zweite Teil des Berichts fällt nüchterner aus. Die Zentralverwaltung verzeichnete von Januar bis Juli ein Defizit von 736,3 Millionen US-Dollar, das entspricht 1,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die offizielle Jahresprognose bleibt unverändert bei einem Defizit von 3,2 Prozent des BIP, also rund 2.150 Millionen US-Dollar.
Bei den Einnahmen zeigt sich ein gespaltenes Bild:
- ▹Steuereinnahmen insgesamt: plus 2,3 Prozent
- ▹davon interne Steuern: plus 11,2 Prozent
- ▹außenhandelsbezogene Steuern: minus 12,2 Prozent
- ▹Einnahmen aus den binationalen Wasserkraftwerken: minus 33 Prozent
Der Einbruch bei den außenhandelsbezogenen Abgaben hat eine Ursache, die anderswo als Erfolg gilt: die Aufwertung des Guaraní. Ein starker Guaraní verbilligt Importe für Verbraucher und senkt gleichzeitig den in Guaraní gerechneten Wert der Zölle und Einfuhrabgaben. Dieselbe Entwicklung, die den Wechselkurs für Auswanderer verschlechtert hat, drückt also auch die Staatseinnahmen. Die Kursbewegung selbst haben wir in der Wechselkurs-Meldung vom 23. August aufgeschlüsselt.
Der Rückgang bei den Binationalen um ein Drittel trifft zusätzlich, weil diese Mittel traditionell einen erheblichen Teil des Staatshaushalts tragen.
Warum das mit dem Ärztestreik zusammenhängt
Seit Montag streiken die Ärzte im öffentlichen Gesundheitswesen, angesetzt bis zum 28. August. Der Streik und die Frage, was noch läuft, war gestern Thema. Die heute vorgelegten Finanzzahlen liefern den Hintergrund dazu.
Eine Zahl macht den Kern der Auseinandersetzung deutlich: Ärzte im öffentlichen Dienst verdienten 2012 rund 2,8 Mindestlöhne. Heute sind es nach Gewerkschaftsangaben noch etwa 1,5 Mindestlöhne. Genau die Rückkehr zu 2,8 Mindestlöhnen ist die Kernforderung des Sindicato Nacional de Médicos.
Die Regierung verweist ihrerseits darauf, für 2026 11.100 neue Stellen für das Gesundheitsministerium genehmigt zu haben, davon 9.755 für Gesundheitspersonal einschließlich Ärzten. Zum Abbruch des Streiks hat das nicht gereicht. Die gewerkschaftlichen Dachverbände CNT, CUT, CUT-A, CPT und CGT haben sich hinter den Ausstand gestellt.
Damit stehen zwei Wahrheiten nebeneinander, die beide zutreffen: Das Land wächst so schnell wie kaum ein anderes in der Region, und der Staat hat trotzdem wenig Spielraum, weil sein Wachstum aus Sektoren kommt, die dem Fiskus nur begrenzt zuarbeiten.
Was das für Auswanderer bedeutet
Erstens: Das Wachstum ist real, aber es ist Agrarwachstum. Der Primärsektor mit plus 9,4 Prozent trägt die Konjunktur. Für Zuziehende heißt das: Die Aussichten des Landes hängen weiterhin stark an Ernten, Rohstoffpreisen und Wetter. Wer die Struktur dahinter verstehen will, findet sie im Beitrag zur Wirtschaft Paraguays.
Zweitens: Niedrige Inflation und starke Währung sind für Sie zweischneidig. 1,6 Prozent Inflation bedeuten stabile Preise vor Ort. Der um knapp 20 Prozent aufgewertete Guaraní bedeutet aber auch, dass Ihr Euro oder Dollar hier weniger kauft als vor einem Jahr. Wer sein Budget vor einiger Zeit gerechnet hat, sollte nachrechnen.
Drittens, und das ist der praktische Punkt: Verlassen Sie sich beim Gesundheitswesen nicht auf den Staat. Die Zahlen zeigen, warum das öffentliche System unter Druck steht, und der Streik zeigt, wie sich das anfühlt. Für Auswanderer ist die private Absicherung deshalb keine Komfortentscheidung. Was das öffentliche System leistet und wo seine Grenzen liegen, steht im Überblick zum Gesundheitssystem, die Optionen für eine Police im Leitfaden zur Krankenversicherung für Auswanderer.
Viertens: Für Ihre eigene Steuerlast ändert sich nichts. Das Territorialprinzip steht nicht zur Debatte, und die Diskussion dreht sich um Ausgaben, nicht um neue Abgaben. Ein wachsendes Defizit ist trotzdem etwas, das man im Blick behält, weil es mittelfristig Druck auf die Einnahmenseite erzeugen kann.
Häufige Fragen zu den Wirtschaftszahlen
Wächst Paraguay wirklich stärker als seine Nachbarn?
Nach der aktuellen MEF-Prognose von rund 4,5 Prozent wäre Paraguay 2026 die am stärksten wachsende Volkswirtschaft der Region. Das ist eine Prognose des Ministeriums, keine abgeschlossene Bilanz.
Warum stand in Ihrer Meldung vom 23. August noch 4,3 Prozent?
Weil es zwei verschiedene Quellen sind. Die 4,3 Prozent stammen aus der Erwartungsumfrage der Zentralbank, in der private Analysten befragt werden. Die 4,5 Prozent sind die eigene Prognose des Wirtschafts- und Finanzministeriums. Beide Werte sind aktuell, sie messen nur nicht dasselbe: Markterwartung auf der einen Seite, Regierungsprognose auf der anderen.
Warum steigen die Steuereinnahmen nur um 2,3 Prozent, wenn die Wirtschaft um 5,6 Prozent wächst?
Weil die beiden Teile auseinanderlaufen. Die internen Steuern legten mit 11,2 Prozent kräftig zu, die außenhandelsbezogenen Abgaben fielen dagegen um 12,2 Prozent, unter anderem wegen der Guaraní-Aufwertung. Dazu kommen 33 Prozent weniger Einnahmen aus den binationalen Wasserkraftwerken.
Ist ein Defizit von 3,2 Prozent des BIP ein Warnsignal?
Es ist der offizielle Zielwert des Ministeriums für das Jahresende, kein Ausrutscher. Paraguay hält seit 2024 den Investment-Grade-Status. Beobachtenswert ist die Richtung, nicht der einzelne Wert.
Hat das Auswirkungen auf meine Residenz oder meine Steuern?
Nein. Weder das Migrationsrecht nach Ley 6984/2022 noch das Territorialprinzip der Steuerreform Ley 6380/2019 sind Gegenstand dieser Diskussion.
Hinweis: Wirtschaftsprognosen sind Momentaufnahmen und werden regelmäßig revidiert. Die hier genannten Zahlen stammen aus dem Situfin-Bericht des MEF mit Daten bis Juli 2026 und geben den Stand vom 26. August 2026 wieder. Dieser Artikel ersetzt keine individuelle Beratung.
Quellen: Situfin-Bericht des Ministerio de Economía y Finanzas (Daten bis Juli 2026, vorgestellt von Nathalia Rodríguez), Berichterstattung von El Trueno vom 23.08.2026 zur angehobenen Wachstumsprognose, ABC Color zur Entwicklung von Wachstum und Fiskaleinnahmen, Última Hora und Revista PLUS zu Defizit und Ausgabenentwicklung sowie ABC Color vom 25.08.2026 zum Ärztestreik und zu den genehmigten Stellen.

Über den Autor
Yannick Schroth
Gründer · Paraguay-Auswanderungsberater
Lebt in Asunción und begleitet deutschsprachige Auswanderer auf dem Weg zu Residenz, Cedula und steueroptimierter Firmenstruktur in Paraguay.






