Paraguays Ärztegewerkschaft hat das Angebot der Regierung einstimmig abgelehnt. Auf einer Vollversammlung am Donnerstag, dem 3. September 2026, wies das Sindicato Nacional de Médicos (Sinamed) den vorgelegten Gehaltsplan zurück. Zwei neue Streiktage stehen damit fest: der 21. und 22. September, ein Montag und ein Dienstag. Über den ersten Ausstand Ende August haben wir am 25. August berichtet.
Wer im September einen Termin in einem staatlichen Krankenhaus hat, sollte sich diese beiden Daten notieren. Wer wissen will, wie belastbar Paraguays öffentliches Gesundheitswesen ist, findet in dieser Verhandlungsrunde mehr als einen Tarifstreit.
Was die Regierung angeboten hat
Am Donnerstag trafen sich Gesundheitsministerin María Teresa Barán, Arbeitsministerin Mónica Recalde, Wirtschaftsminister Óscar Lovera und Kabinettschef Javier Giménez mit der Gewerkschaft und den wissenschaftlichen Fachgesellschaften. Die Regierung legte einen Plan zu den vier Forderungspunkten vor und erklärte drei davon für auf dem Weg.
| Forderung | Angebot der Regierung |
|---|---|
| Feste Stellen statt befristeter Verträge | 2.390 Ärzte sollen noch vor Jahresende übernommen werden |
| Feiertagsarbeit | Bezahlung ab Januar 2027 |
| Material für die Kliniken | Zusicherung der Versorgung mit strategischen Verbrauchsgütern |
| Gehalt | Laufbahntabelle, die Vertragsärzte ab Juli 2027 mit fest Angestellten gleichstellt |
Der Gehaltsteil ist der Kern. Nach Darstellung von Ministerin Barán würde ein Vertragsarzt künftig genauso viel verdienen wie ein fest angestellter Kollege, ohne Auswahlverfahren, wirksam ab Juli 2027. Das beträfe 10.626 Ärzte und damit rund 90 Prozent des Personalbestands, mit Erhöhungen zwischen 500.000 und 4 Millionen Guaraní je nach Fall, umgerechnet rund 71 bis 571 Euro.
Kosten: etwa 60 Millionen US-Dollar für ein volles Jahr, finanziert aus dem eigenen Etat des Gesundheitsministeriums, ohne den Deckel des Gesamthaushalts anzuheben. Wirtschaftsminister Lovera verwies auf eine Ersparnis von rund 34 Millionen US-Dollar, die das Ministerium kürzlich bei einer Ausschreibung über etwa hundert Medikamente erzielt hat.
Warum die Vollversammlung geschlossen ablehnte
Der Konflikt entzündet sich am Einstiegsbetrag. Für Ärzte mit null bis fünf Dienstjahren sah das Angebot je Zwölf-Stunden-Vertrag 900.000 Guaraní mehr vor, zusammengesetzt aus 400.000 Guaraní auf das Grundgehalt und 500.000 Guaraní Zulage. Das sind rund 129 Euro im Monat. Mit steigender Dienstzeit wächst der Betrag.
Die Versammlung nannte das unzureichend. Dr. Marcelo Galli beschrieb den Abstand zur eigenen Forderung so, sinngemäß übersetzt: „Wir wollen 120 Millionen Dollar, um mit einem würdigen Grundgehalt anzufangen, und man verweigert sie uns, während Geld da ist für Zulagen von Nepobabys, VIP-Versicherungen, Reisen und Asados."
Der zweite Streitpunkt ist juristischer Natur. Das Gesundheitsministerium wollte die Vergütung von Feiertagsdiensten auf einen festen Betrag von 1 Million Guaraní deckeln, rund 143 Euro. Die Versammlung stimmte darüber ab und lehnte den Deckel ab. Gefordert wird die Anwendung des Gesetzes, also die doppelte Bezahlung der tatsächlich geleisteten Feiertagsarbeit.
Ein dritter Beschluss fiel weniger beachtet aus, sagt aber viel: Die Ärzte stimmten dafür, im Haushalt 2027 260 Millionen US-Dollar mehr für Medikamente und Material vorzusehen. Der Gesamtposten läge damit bei 760 Millionen US-Dollar. Es geht in diesem Streit nicht nur um Gehälter.
Der Satz der Gesundheitsministerin
Am selben Abend saßen Kabinettschef Giménez und Ministerin Barán in der Sendung „Mesa con EVP". Giménez verteidigte das Modell: Die Regierung lehne ein allgemeines Mindestgehalt ab und wolle stattdessen nach Dienstalter, Spezialisierung, Fortbildung und Arbeitszeit differenzieren. Er warnte vor einem „moralischen Risiko" für die Staatsfinanzen, wenn Streiks zum Mechanismus für Gehaltserhöhungen würden, weil andere Bereiche des Staates dann dasselbe verlangen könnten.
Aufschlussreicher für alle, die das Land von außen beurteilen, ist der Satz der Ministerin. Barán räumte ein, dass das Budget für Medikamente und Material nicht ausreicht. Seit rund fünf Monaten kaufe das Gesundheitsministerium gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium nach verfügbarer Haushaltslage ein, und genau das habe die Lücke sichtbar gemacht.
Barán verwies zugleich auf Fortschritte, etwa die Reduzierung der Verwaltungsabläufe im Ministerium von 72 auf 17, und sagte, drei Jahre Amtszeit reichten nicht, um über Jahrzehnte gewachsene Probleme zu lösen. Giménez sicherte zu, die Finanzierung der Laufbahntabelle werde den Einkauf von Medikamenten nicht schmälern.
Ein Detail aus Trinidad
Am Donnerstag reichten am Hospital Materno Infantil de Trinidad 15 von 20 Neonatologen ihre Kündigung ein. Die Ankündigung der Ministerin, Vertrags- und Planstellen gleichzustellen, hat sie nicht davon abgehalten.
Neonatologie ist die Medizin für Neugeborene, häufig für Frühgeborene. Sie lässt sich nicht verschieben, und Fachärzte dafür sind knapp. An dieser Stelle wird aus einem Tarifkonflikt ein Versorgungsproblem.
Was das für Auswanderer bedeutet
Terminlich: Am 21. und 22. September sollte niemand mit einer planbaren Untersuchung in einem staatlichen Haus rechnen, ohne vorher anzurufen. Beim Ausstand im August blieben Notaufnahmen, Intensivstationen, Geburtshilfe, Dialyse und Onkologie besetzt. Für September ist der Katalog kritischer Dienste noch nicht veröffentlicht.
Praktisch: Private Kliniken und Praxen arbeiten unabhängig davon, und das Sozialversicherungssystem IPS war im August nicht Teil des Streiks. Wer neu ins Land kommt, sollte die eigene Absicherung vor der Ankunft geklärt haben statt danach. Welche Modelle es gibt, steht im Leitfaden zur Krankenversicherung, der Aufbau des staatlichen Systems im Überblick zum Gesundheitswesen.
Zur Einordnung: Dieser Konflikt ist der Auslöser der Steuerdebatte, über die wir vergangene Woche berichtet haben. Der Industrieverband UIP lehnt höhere Steuern ab und verweist auf die Ausgabenseite, die Ärzte verlangen mehr Mittel, die Ministerin bestätigt die Lücke beim Material. Paraguay finanziert seine niedrigen Steuersätze auch über einen schlanken Staat. Der Streit im Gesundheitswesen zeigt, wo dieses Modell an seine Grenze stößt, und das ist für jeden Zuzügler eine relevantere Information als jede Standortbroschüre.
Häufige Fragen
Wann wird in Paraguay wieder gestreikt?
Am 21. und 22. September 2026. Die Vollversammlung hat den Ausstand am 3. September beschlossen, die landesweite Abstimmung zur Formalisierung lief zum Redaktionsschluss noch. Generalsekretärin Rossana González rechnete nach interner Umfrage mit einstimmiger Zustimmung.
Sind private Ärzte und Kliniken betroffen?
Nein. Der Konflikt betrifft Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Dienst unter dem Gesundheitsministerium. Privatpraxen und Privatkliniken arbeiten normal.
Was ist dieser Escalafón, um den gestritten wird?
Eine bereits bestehende Laufbahn- und Gehaltstabelle für den öffentlichen Dienst. Die Regierung will darüber die Bezahlung nach Dienstalter, Spezialisierung und Arbeitszeit staffeln und Vertragsärzte den fest Angestellten gleichstellen. Die Gewerkschaft fordert stattdessen ein angehobenes Grundgehalt für alle.
Quellen
ABC Color vom 3. September 2026: Bericht über die Vollversammlung des Sinamed, über die Regierungsvorlage nach dem Treffen mit den vier Ministerien, über das Interview mit Javier Giménez und María Teresa Barán in der Sendung „Mesa con EVP" sowie über die Kündigungen am Hospital Materno Infantil de Trinidad. Die Euro-Werte sind Näherungen zu rund 7.000 Guaraní je Euro; der Referenzkurs der Zentralbank lag am 21. August 2026 bei 7.013,28 Guaraní je Euro.
Dieser Beitrag gibt den Stand vom 4. September 2026 wieder. Streiktermine, Notdienstkataloge und Verhandlungsstände ändern sich kurzfristig; verbindlich sind die Angaben des paraguayischen Gesundheitsministeriums und der Gewerkschaft.
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Über den Autor
Yannick Schroth
Gründer · Einwanderungshelfer für Paraguay
Lebt in Asunción und begleitet deutschsprachige Auswanderer auf dem Weg zu Residenz, Cedula und Firmengründung in Paraguay.






