Im Konventionssaal der paraguayischen Zentralbank ist heute Morgen die Nationale Strategie zur Finanzinklusion für die Jahre 2026 bis 2031 vorgestellt worden. Hinter dem etwas spröden Titel steht ein Fahrplan, der darüber entscheidet, wie leicht Menschen in Paraguay in den nächsten fünf Jahren an ein Konto, an bargeldlose Zahlungen und an regulären Kredit kommen. Für deutsche Auswanderer ist das kein Randthema, denn der Zugang zum Finanzsystem gehört neben Residenz und Cedula zu den drei Dingen, an denen der Start im Land tatsächlich hängt.
Was heute vorgestellt wurde
Die Präsentation fand um acht Uhr im Salon de Convenciones der Banco Central del Paraguay statt. Getragen wird die Strategie vom Nationalen Komitee für Finanzinklusion, dessen Vorsitz das Wirtschafts- und Finanzministerium führt. Auf dem Podium standen Wirtschaftsminister Oscar Lovera als Komiteevorsitzender, Zentralbankpräsident Carlos Carvallo und Carlos Romero Roa, der das Nationale Institut für Genossenschaftswesen INCOOP kommissarisch leitet.
Dass INCOOP mit am Tisch sitzt, ist kein Detail. Genossenschaften spielen im paraguayischen Finanzsystem eine größere Rolle als in Deutschland, gerade außerhalb der Ballungsräume. Wer die Versorgung in der Fläche verbessern will, kommt an ihnen nicht vorbei.
Die Strategie ist der Nachfolger der ersten Fassung, die den Zeitraum 2014 bis 2018 abdeckte. Erarbeitet wurde sie in einem mehrstufigen Beteiligungsverfahren mit zwei Workshop-Runden, deren Ergebnisse in einen Aktionsplan mit 45 konkreten Vorschlägen für politische Maßnahmen eingeflossen sind.
Die vier Schwerpunkte
Inhaltlich ruht die Strategie auf vier Säulen. Die erste ist Finanzbildung und Verbraucherschutz, also die Frage, ob Menschen die Produkte verstehen, die sie nutzen. Die zweite zielt auf den Abbau von Zugangshürden und auf formelles Sparen, denn ein Konto zu haben und es zu nutzen sind zwei verschiedene Dinge.
Die dritte Säule betrifft den Ausbau digitaler Zahlungen, ausdrücklich in Ergänzung zu den physischen Kanälen und nicht als deren Ersatz. Das ist eine bewusste Entscheidung in einem Land, in dem Bargeld und persönlicher Kontakt in vielen Regionen weiter dominieren. Die vierte Säule soll formellen Kredit transparenter und sicherer machen, was in der Praxis vor allem heißt, Menschen aus informellen Kreditbeziehungen herauszuholen.
Wo Paraguay heute steht
Der Ausgangspunkt ist besser, als das Wort Finanzinklusion vermuten lässt, aber ungleichmäßig. Nach dem Global Findex 2025 verfügen 61 Prozent der Erwachsenen über ein Bankkonto. Weiter gefasst nutzen mehr als drei Viertel der erwachsenen Bevölkerung mindestens ein formelles Finanzprodukt, wobei in dieser Zahl auch Genossenschaften und Zahlungsdienstleister stecken.
Die Zentralbank zählte bis Dezember 2024 rund 3,7 Millionen registrierte Kundinnen und Kunden im Finanzsystem, was etwa 79 Prozent der erwachsenen Bevölkerung entspricht. Die Zahl der Einlagenkonten lag im Dezember 2025 bei 12,1 Millionen und damit fünfmal so hoch wie 2016.
Am deutlichsten ist der Sprung beim bargeldlosen Bezahlen. 2025 wurden in Paraguay mehr als 180 Millionen QR-Transaktionen abgewickelt, ein Plus von 70 Prozent gegenüber 2024. 55 Prozent der Nutzer haben im selben Jahr mindestens eine digitale Zahlung geleistet oder erhalten. Bei den älteren Erwachsenen hat inzwischen etwa jeder sechste von zehn ein Konto, ein Wert, der noch vor wenigen Jahren undenkbar war.
Das Muster dahinter ist bemerkenswert: Paraguay ist beim Bezahlen weiter als beim Sparen. Die Infrastruktur für tägliche Transaktionen funktioniert, die Bindung an das formelle System über Sparen und Kredit hinkt hinterher. Genau dort setzt die neue Strategie an.
Was das für deutsche Auswanderer bedeutet
Hier ist Ehrlichkeit angebracht. Die Strategie richtet sich an die paraguayische Bevölkerung, nicht an Zuwanderer. Die Hürde, an der deutsche Auswanderer beim Bankkonto in Paraguay regelmäßig hängen, ist keine Frage der Finanzinklusion, sondern eine Frage der Unterlagen: Cedula, RUC, Einkommensnachweis, Wohnsitznachweis. Daran ändert ein Aktionsplan für formelles Sparen nichts.
Zwei Punkte sind trotzdem relevant. Erstens profitieren Sie unmittelbar von dem, was beim Bezahlen bereits gebaut wurde. Das QR-System ist im Alltag fließend nutzbar, vom Supermarkt bis zum kleinen Laden, und es funktioniert unabhängig davon, welche Nationalität auf Ihrer Karte steht. Wer aus Deutschland kommt und Girocard-Verhältnisse gewohnt ist, wird eher positiv überrascht.
Zweitens ist ein Finanzsystem, das breiter und formeller wird, auch für Zugezogene das stabilere Umfeld. Mehr formelle Kreditbeziehungen bedeuten bessere Daten, sauberere Abläufe und auf Sicht weniger Willkür bei der Kontoeröffnung. Das ist ein Effekt über Jahre, kein Schalter, der jetzt umgelegt wird.
Wer Geld zwischen beiden Ländern bewegt, findet die praktischen Wege im Ratgeber zum Geldtransfer nach Paraguay. Und wer noch am Anfang steht: Ohne Cedula führt beim Konto ohnehin kein Weg vorbei, unabhängig von jeder Strategie.
Ehrlich eingeordnet
Eine Strategie ist zunächst ein Papier. Die 45 Maßnahmen sind Vorschläge für politisches Handeln, nicht bereits beschlossene Gesetze, und der Vorgänger von 2014 bis 2018 zeigt, dass zwischen Plan und Wirkung ein längerer Weg liegt. Die Zahlen zum QR-Wachstum belegen, dass in Paraguay einiges schneller geht als erwartet, sie belegen aber nicht, dass jede Ankündigung trägt.
Belastbar ist der Befund zur Struktur: Beim Bezahlen ist das Land weit, beim Sparen und beim formellen Kredit nicht. Ob die Strategie diese Lücke schließt, lässt sich frühestens an den Zahlen der kommenden Jahre ablesen, nicht an der heutigen Veranstaltung.
Häufige Fragen
Kann ich als Deutscher in Paraguay ein Bankkonto eröffnen?
Ja, in der Regel nach Erteilung der Residenz und mit Cedula. Die Banken verlangen zusätzlich meist einen Einkommens- und einen Wohnsitznachweis, oft auch den RUC. Die neue Finanzstrategie ändert an diesen Anforderungen nichts, sie zielt auf die einheimische Bevölkerung.
Funktioniert bargeldloses Bezahlen in Paraguay im Alltag?
Ja, und besser als viele erwarten. 2025 wurden mehr als 180 Millionen QR-Transaktionen abgewickelt, 70 Prozent mehr als im Vorjahr. Karten- und QR-Zahlung sind in Städten praktisch flächendeckend möglich, auf dem Land bleibt Bargeld wichtiger.
Was ist die ENIF und wer steht dahinter?
ENIF steht für die Nationale Strategie zur Finanzinklusion. Getragen wird sie vom Nationalen Komitee für Finanzinklusion unter Vorsitz des Wirtschafts- und Finanzministeriums, gemeinsam mit der Zentralbank und dem Genossenschaftsinstitut INCOOP. Die aktuelle Fassung deckt die Jahre 2026 bis 2031 ab.
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Über den Autor
Yannick Schroth
Gründer · Paraguay-Auswanderungsberater
Lebt in Asunción und begleitet deutschsprachige Auswanderer auf dem Weg zu Residenz, Cedula und steueroptimierter Firmenstruktur in Paraguay.






