Zwei Ökonomen haben dem Vorschlag widersprochen, die Steuern in Paraguay anzuheben. In Beiträgen für ABC Color vom 30. August 2026 verlangen Arnold Benítez und Gladys Benegas, zuerst die Ausgaben und die Liquidität des Staates zu prüfen, bevor über höhere Sätze gesprochen wird. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Nach Artikel 216 der Verfassung muss die Regierung den Haushaltsentwurf für 2027 spätestens am 1. September im Kongress einreichen.
Der Steuervorschlag liegt jetzt vollständig auf dem Tisch
Als Senator Silvio „Beto" Ovelar den Vorstoß machte, war eine der drei Zahlen noch offen. Inzwischen ist sie es nicht mehr.
| Steuer | heute | Vorschlag |
|---|---|---|
| Einkommensteuer (IRP) | 10 % | 14 % |
| Unternehmensteuer (IRE) | 10 % | 15 % |
| Mehrwertsteuer (IVA) | 10 % | 12 % |
Damit stünde erstmals seit der Steuerreform von 2019 der Satz aller drei großen Steuerarten zur Debatte. Ein Gesetzentwurf existiert weiterhin nicht.
Erster Einwand: dauerhafte Ausgaben, dauerhafte Steuerquelle
Der Ökonom Arnold Benítez setzt bei der Begründung an. Anlass des Vorstoßes sind höhere Arztgehälter, und sein Einwand lautet: „Eine dauerhafte Ausgabe wie eine Gehaltserhöhung muss eine dauerhafte Finanzierungsquelle haben." Strukturelle Ausgaben über Schulden oder Defizit zu decken, verschiebe das Problem nur nach vorn.
Genau deshalb hält er die vorgeschlagene Reihenfolge für falsch. Bevor bestehende Sätze steigen, nennt er fünf Schritte:
- ▹die Progressivität des Steuersystems stärken,
- ▹die Zahl der Steuerpflichtigen verbreitern,
- ▹Ausnahmen und Befreiungen überprüfen,
- ▹die Immobiliensteuer reformieren,
- ▹die Formalisierung der Wirtschaft verbessern.
Besonders deutlich wird er bei der Mehrwertsteuer. Eine höhere IVA träfe Haushalte mit niedrigem Einkommen überproportional, weil sie einen größeren Teil ihres Einkommens in den Konsum geben. In einem Land, in dem ein erheblicher Teil der Beschäftigung informell ist, ist das mehr als ein sozialpolitisches Argument: Die IVA ist die Steuer, der auch die Informellen nicht ausweichen.
Zweiter Einwand: Paraguays Staat sitzt auf Einlagen
Gladys Benegas greift die Debatte von einer anderen Seite an. Ihr Punkt: Wer nur auf die Defizitobergrenze schaut, übersieht, was mit der Liquidität des Staates und mit der tatsächlichen Ausführung der Ausgaben passiert.
Als Warnung führt sie Argentinien an. Dort wurden bestimmte Fonds 2024 und 2025 nur zu 55,8 beziehungsweise 69,5 Prozent ausgeführt, während die Mittel in Instrumenten des Schatzamtes gehalten wurden, um das „Nulldefizit" auszuweisen. Geplante Infrastruktur blieb ungebaut.
Für Paraguay nennt sie eigene Zahlen. Die staatlichen Einlagen lagen im Juni 2026 bei 4.462 Millionen US-Dollar, ein Plus von 56 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 69 Prozent davon liegen bei nur vier Instituten: BNF, Banco Nación, Sudameris und Continental.
Das paraguayische Problem sei allerdings ein anderes als das argentinische. Hier gehe es um Verbindlichkeiten gegenüber Lieferanten, etwa Straßenbaufirmen und Pharmaunternehmen, die nicht zeitnah erfasst würden. Für ein neues Fiskalverantwortungsgesetz fordert sie deshalb drei Dinge: ausdrückliche Kriterien für die Steuerung der staatlichen Liquidität, die Erfassung von Verbindlichkeiten dann, wenn sie entstehen, statt wenn es haushaltspolitisch passt, und Transparenz darüber, was die staatlichen Guthaben abwerfen und was ihre Finanzierung kostet.
Haushalt 2027: Ab dem 1. September läuft die Verfassungsuhr
Bisher war die Steuerdebatte eine Folge von Wortmeldungen. Ab morgen bekommt sie ein Verfahren.
Artikel 216 der paraguayischen Verfassung schreibt vor, dass die Exekutive den Entwurf des Staatshaushalts jährlich spätestens am 1. September vorlegt und dass seine Beratung im Kongress absoluten Vorrang hat. Der weitere Takt steht ebenfalls in der Verfassung:
| Schritt | Frist |
|---|---|
| Bicamerale Kommission prüft und legt Gutachten vor | max. 60 Tage |
| Abgeordnetenkammer berät im Plenum | max. 15 Tage |
| Senat berät die Fassung der Abgeordneten | max. 15 Tage |
Rechnerisch ist der Haushalt damit bis in den Dezember beschlossen. Wer wissen will, ob aus dem Vorstoß etwas wird, muss also nicht auf Interviews warten, sondern darauf, ob im Haushaltspaket eine Satzänderung auftaucht. Bisher ist das nicht der Fall, und die Regierung hat über die Steuerbehörde DNIT ausdrücklich erklärt, die allgemeinen Steuern nicht anheben zu wollen.
Den Hintergrund zur angespannten Einnahmenlage haben wir beschrieben, als das Wirtschaftsministerium die Wachstumsprognose anhob und die Einnahmen trotzdem hinterherhinkten.
Was das für deutschsprachige Auswanderer bedeutet
Für Auswanderer ist die Nachricht dieser Woche vor allem eine Entwarnung mit Kalender.
Entwarnung, weil die Debatte weiterhin ausschließlich um Sätze geht, nicht um die Bemessungsgrundlage. Auslandseinkünfte fallen in Paraguay nach dem Territorialprinzip gar nicht erst in die Steuerbasis. Wie das System funktioniert, steht im Überblick zum Steuersystem, die Einordnung des Vorstoßes selbst in unserer Meldung vom 29. August.
Kalender, weil ab dem 1. September ein festes Verfahren läuft. Wer in Paraguay eine Firma führt, sollte die IRE im Blick behalten, das ist die Änderung mit der größten Wirkung auf inländische Gewinne. Und eine IVA von 12 Prozent würde die Lebenshaltungskosten spürbar berühren, unabhängig davon, woher das Einkommen stammt.
Häufige Fragen zur Steuerdebatte
Steht das Territorialprinzip in der Haushaltsdebatte zur Disposition?
Nach dem bisherigen Verlauf nicht. Weder der Senator noch die beiden Ökonomen noch die Regierung haben die Bemessungsgrundlage infrage gestellt. Die Debatte dreht sich um Sätze, um die Ausgabenseite und um die Frage, ob vorhandene Mittel richtig eingesetzt werden.
Wann könnte eine Steueränderung frühestens beschlossen sein?
Wenn eine Satzänderung Teil des Haushaltspakets wäre, ließe sie sich nach dem Fristenschema der Verfassung bis in den Dezember beschließen. Derzeit ist sie nicht Teil des Pakets, und ein eigener Gesetzentwurf liegt nicht vor.
Warum ist die Mehrwertsteuer der strittigste Punkt?
Weil sie unabhängig vom Einkommen wirkt. Benítez argumentiert, dass Haushalte mit kleinen Einkommen einen größeren Teil ihres Geldes ausgeben und deshalb überproportional getroffen würden.
Quellen zur Steuerdebatte in Paraguay
- ▹ABC Color, 30.08.2026: Suba de impuestos: economista pide revisar primero el gasto público
- ▹ABC Color, 30.08.2026: ¿Qué debería entender Paraguay por responsabilidad fiscal?
- ▹Verfassung der Republik Paraguay, Artikel 216 (Haushaltsverfahren und Fristen)
Dieser Beitrag ist journalistische Information und keine Steuer- oder Rechtsberatung. Für die eigene Situation ist eine individuelle Prüfung nötig.
Sie planen den Schritt nach Paraguay und wollen wissen, was die Debatte für Ihre Zahlen bedeutet? Im kostenlosen Erstgespräch schauen wir uns Ihren Fall an.

Über den Autor
Yannick Schroth
Gründer · Einwanderungshelfer für Paraguay
Lebt in Asunción und begleitet deutschsprachige Auswanderer auf dem Weg zu Residenz, Cedula und Firmengründung in Paraguay.






